Predigt zu Amos 5, 21 - 24

Estomihi 2012

 

Die Garnisonskirche zu Potsdam.

 

Im April 1943 haben meine Eltern in dieser Kirche geheiratet. Mein Vater war dort junger Pastor.

 

Eine Rötelstiftzeichnung der Kirche hing bis zuletzt in seinem Arbeitszimmer.

 

Die Potsdamer Zeit meiner Eltern war kurz – in ihren Erzählungen aber wurde der Ort immer wieder lebendig. So auch das Glockenspiel der Kirche.

 

Seit 1797, dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms III., ertönte jeweils zur vollen Stunde der Choral „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren“ und zur halben Stunde „Üb' immer Treu und Redlichkeit“, gedichtet von Ludwig Hölty, in der Zauberflöte von Wolfgang Amadeus Mozart als Lied des Papageno vertont.

 

Bei einem alliierten Bombenangriff auf Potsdam wurden Kirche und Glockenspiel in der Nach auf den 14. auf den 15. April 1944 zerstört und die verbleibenden Ruinen 1966 gesprengt, um Platz für ein Rechenzentrum zu schaffen.

 

Die Töne des Glockenspiels allerding klangen in meinen Eltern lange nach – der Choral und das Gedicht – Lob Gottes und gelebte Tugend.

 

Beides hat meine Eltern in ihrem Leben und –ich denke- auch in den Werten, die sie uns als Kinder mit auf den Weg gaben, geprägt.

 

Üb' immer Treu und Redlichkeit

 

Sie ist ins Gerede gekommen, die Redlichkeit.

 

Nicht erst seit dem Rücktritt Christian Wulffs vom Amt des Bundespräsidenten. Die politische Redlichkeit.

 

Aber – was bedeutet das: „Redlichkeit“?

 

Wikipedia definiert Redlichkeit so: „Als Redlichkeit bezeichnet man die Tugend und Charaktereigenschaft einer Person, entsprechend den Regeln einer Gemeinschaft gerecht, aufrichtig oder loyal zu sein.

Der Kern der Redlichkeit ist die Übereinstimmung der Rede einer Person mit dem, was diese Person tut.“

 

Redlichkeit – die Übereinstimmung der Rede einer Person mit dem, was diese Person tut!

 

Darum geht es – nicht nur für Christian Wulf – sondern auch für uns, für dich und mich.

 

Um Redlichkeit geht es auch in dem Text aus dem Buch Amos, den wir heute als alttestamentliche Lesung gehört haben. Da lässt Amos Gott sagen:

 

„Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen.

Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!“

 

Amos lebte im neunten vorchristlichen Jahrhundert im Norden Israels und war eigentlich Bauer – Vieh- und Maulbeerbaumzüchter.

 

Dennoch wirkt er als Prediger in Beth – El, einem alten jüdischen Heiligtum.

 

Mit genauem Auge analysiert Amos die politische und religiöse Situation seiner Zeit – bewertet diese Analyse in Predigt und Prophetie.

 

Die Situation damals: Israel ist im Umbruch. Die alten Strukturen wandeln sich. Das Leben auf dem Lande wird anders. Der Familienverband, der über Jahrhunderte getragen hat und Sicherheit gab, zerbricht. Es tritt eine Landflucht ein. Kleine Höfe sind nicht mehr existenzfähig. Die Bauern geben auf. Suchen ihr Auskommen als Landarbeiter. Werden abhängig von Großgrundbesitzern. Oder verlassen die Dörfer und ziehen in die Städte. Um dort Arbeit zu suchen, bei den Menschen, denen es gut geht. Das sind die Mitglieder der Königsfamilie und des Hofes, die Priester, der Klerus.

 

Die Oberschicht aber wird immer reicher. Profitieren von der Lage Israels zwischen Ägypten und Assyrien und kontrollieren Handelswege und Handel.

Es lässt sich Geld machen in Israel und Wohlstand vermehren.

 

Der Reichtum weniger nimmt zu – aber auch die Armut vieler; und die Zahl der Armen erst recht. Die soziale Schere klafft auseinander.

 

Amos ist sich sicher: dies wird ein schlimmer Ende nehmen, es wird ein böses Erwachen geben.

 

Amos geht n den Tempel – sieht die Priester am Altar stehen. Sie feiern Gottesdienst. Opfern gemästete Tiere und verbrennen Nahrungsmittel. Feiern und singen und spielen und tanzen.

 

Und draußen – vor dem Tempel?

 

Das herrscht Hunger. Da knurrt der Magen. Da gibt es nichts zu essen, zu singen, zu lachen.

 

„Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speiseopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!“

 

Ein Gottesurteil, das Amos da ausspricht. Gott mag von dem, was die Reichen dort im Tempel tun, nichts riechen, nichts hören, nichts sehen – nichts wissen. Er verwirft sie und – er verwirft ihren Gottesdienst. Er mag damit nichts zu tun haben.

 

Solch eine Verurteilung muss eigentlich eine Strafe zur Folge haben. Amos sieht dunkle Wolken über Israel heraufsteigen. Krieg droht. Verlust der Macht – und der Heimat. So schließt Amos: „ich (will)euch wegführen lassen bis jenseits von Damaskus, spricht der HERR, der Gott Zebaoth heißt.“

 

Zunächst aber scheint es noch eine Chance zu geben. Es gibt eine Hoffnung. Amos fasst sie in eine Aufgabe, die erfüllt werden soll: „Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

 

Recht und Gerechtigkeit.

 

Das ist es, was das Land, was die Menschen brauchen: dass Recht gesprochen nicht gebeugt wird, - und dass Menschen, die das Sagen haben, die politische und soziale Entscheidungen treffen, die richtungsweisend sind – selbst leben, wie sie es sagen – redlich sind in ihrem Tun und gerecht. Nicht selbstgerecht – sondern für das Recht der anderen eintreten.

 

„Der Kern der Redlichkeit ist die Übereinstimmung der Rede einer Person mit dem, was diese Person tut.“ So las ich bei Wikipedia.

 

Und ich denke es stimmt.

 

Damals bei Amos und den Israeliten – und heute bei uns.

Das gilt für die Menschen, die zu sagen haben, wo es lang geht. Für Menschen, die Entscheidungen treffen und Verantwortung haben.

 

Aber es gilt auch für dich und mich.

 

Redlich leben.

 

Tun wir es.

 


 Amen.